Ausbildung, Weiterbildung, Bildung?!
02 Aug 2010
„Der wahre Zwek des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Sprach der akademische Säulenheilige Wilhelm von Humboldt, den es immer dann anzurufen gilt, wenn es um das Thema Bildung im Allgemeinen oder um Hochschulen im Besonderen geht. So weit so gut. Was aber ist Bildung – und wenn ja, was haben wir in Lahr damit zu schaffen?
Peter Bieri, Ex-Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Freien Universität Berlin und unter dem Pseudonym Pascal Mercier Verfasser literarischer Bestseller („Nachtzug nach Lissabon“) hat in einem Vortrag (im Original hier und kompakt recycelt dort) folgende hilfreiche Unterscheidung getroffen:
„Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Das ist kein blosses Wortspiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden - wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“
Klingt erst mal gut. Aber streng genommen hieße das: Wer in Lahr studiert, verfehlt den wahren „Zwek“ des Menschseins. Schließlich betreiben wir hier ja lediglich Weiter(aus)bildung mit dem Ziel, dass Sie, liebe Studierenden, am Ende mehr können als vorher – nicht aber mehr sind. Oder doch?
Ja und nein. In erster Linie sollen Sie natürlich etwas (besser) können, wenn Sie ihre Abschlussurkunde in den Händen halten. Im Normalfall haben Sie dann z.B. einen Master in der Tasche oder gar ein Doktordiplom und auf diese Weise „die höchste Bildung Ihrer Kräfte“ vorangetrieben, zu Deutsch: Sie haben das, was Sie gut können, weiter ausgebaut.
Aber was ist mit der „proportionirlichen“ Bildung, von der Humboldt spricht, mit dem großen Ganzen, der Balance zwischen Fachwissen bzw. -können (das bekanntlich eine kleine Schwäche für das Fachidiotentum unterhält) und Bildung?
Der Anspruch einer Hochschule umfasst beides: die Vermittlung von Fachwissen, eine Art der Ausblidung also, und die Bildung der Person. Wie das? Zum einen beispielsweise durch Kurse und Fallstudien und zum anderen durch Teilhabe an den neuesten Forschungsergebnissen der Professoren, durch den Austausch der Studierenden untereinander und in unserem Fall auch durch die beiden verpflichtenden Philosophie-Module (für Insider: PGM01 und PGM02). Die tragen nicht unbedingt zu Ihrem Können bei, und manche/r von Ihnen mag sie gar für überflüssigen Luxus halten. Aber vielleicht sind ja genau deshalb – frei nach Peter Bieri und Martin Heidegger – eine sinnvolle Investition in die ganz individuelle Art und Weise Ihres „In-der-Welt-Seins“, eine Investition nicht nur in Ihre berufliche Zukunft, sondern in Ihre Persönlichkeit.