Der Tod des Web aus dem Geist des Kapitalimus?
20 Aug 2010
Hallo Liebe LeserInnen,
vor ein paar Wochen hatte ich die Frage angesprochen, ob die Kommerzialisierung des Internets den demokratischen und anarchischen Charme dieser Kommunikationssphäre austreibt.
Im digitalen Frontblatt Wired wird nun diskutiert, ob das offene Web – als von der Nutzeraktivität abhängig und auf dem Allzwecktool Browser basierend – tot sei aber das eingehegte Internet mit monofunktionalen Apps – Maschinen, die automatisch mit Maschinen kommunizieren – und geschlossenen Bereichen lebe, weil sich nun dort die Möglichkeit großes Geld zu verdienen, unsere Bequemlichkeit sowie unsere Neigung eher das Smartphone als das Gerät auf dem Schreibtisch zu nutzen, verbinden. Die Diskussion wiederholt sich regelmäßig, häufig mit unklarem Ausgang: Die vor einigen Jahren heftige Diskussion um Softwarepatente bewegt heute nicht mehr in derselben Weise.
“It is the cycle of capitalism. The story of industrial revolutions, after all, is a story of battles over control. A technology is invented, it spreads, a thousand flowers bloom, and then someone finds a way to own it, locking out others. It happens every time.”
Ich hatte vor ein paar Wochen angemerkt, dass die Möglichkeit Geld zu verdienen, die Nutzungsoptionen vervielfältigt und für viel mehr Menschen zugänglich macht. Alles in allem könnte also sich die Freiheit zu vermehren, auch wenn es regelmäßig Rückschläge gibt.
Als rückblickende Analyse mag die Kritik am kapitalistischen Teufelskreis in Wired stimmen: anstatt in rechtlich schwer zu interpretierenden Filesharingsystemen nach unserer Musik etc. zu suchen, schließen wir uns ins lästige iTunes ein. Als Prognose scheint dies aber das Wachstum und die Verschiebung von Nutzungen nicht hinreichend zu reflektieren. Auch Facebook wird irgendwann irgenwo (nur noch) integriert sein.
Die Sache ist etwas dialektischer. Denn letztlich leben der Charakter des Web (und des Internet) als Medien relativ reibungsloser Kommunikation sowie der Kapitalismus vom selben Impuls: der Suche nach dem nächsten und möglichst neuen Anschluss an die nächste und möglichst neue Befriedigung und damit der regelmäßigen Grenzüberschreitung und ‘kreativen Zerstörung’.
Das ist das Grandiose und Perfide am Kapitalismus, dass er Menschen hervorbringt und erhält, die immer wieder nach Grenzüberschreitungen suchen, dass er aber diese ‘Deterritorialisierungen’ (Deleuze/Guattari) auch immer wieder einfängt.