Soziale Arbeit

Johann Hinrich Wichern: Fiktive Gespräche – Teil 5

7 Dezember 2021

Johann Hinrich Wichern (gemeinfrei)
Johann Hinrich Wichern. Bild: Gemeinfrei

Soziale Arbeit studieren, was bedeutet das eigentlich? Was lernt man da konkret? Wer dazu mehr wissen möchte, für den gibt es hier eine kleine Reihe, die einen Einblick gibt in ein besonderes Lernprojekt des Studiums der Sozialen Arbeit an der AKAD University. Teil 5: Johann Hinrich Wichern, Gründer des "Rauhen Hauses".

Tim: Sehr geehrter Herr Wichern, ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, meine Fragen zu beantworten, denn auch ich bin aus Überzeugung in der Hilfe für vom Schicksal benachteiligte Kinder und Jugendliche tätig und freue mich deshalb besonders über Ihre freundliche Zusage eines Interviews.

Wir gehen in diesem Interview auf Ihre historische Bedeutung für Handlungsfelder der modernen Sozialen Arbeit ein. Insbesondere die Errichtung des „Rauhen Hauses“ als ein von Ihnen ins Leben gerufene Rettungsdorf für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, damals als „sittlich Verwahrloste“ bezeichnet, für deren Möglichkeit eines familienähnliches Aufwachsens.

Wenn man sich Ihre Biographie durchliest, könnte man denken, Ihr einziger Lebenssinn bestand darin, anderen Menschen zu helfen. Welche Lebensereignisse oder Wertvorstellungen brachten Sie dazu?

Wichern: Nun, hierfür sollten wir in die Anfangsjahre meines Lebens zurückkehren. Ich bin zwar recht einfach, jedoch wohlbehütet in Hamburg aufgewachsen und hatte über die geteilte Leidenschaft zur Musik ein sehr inniges Verhältnis zu meinem Vater. Dieser verstarb leider recht frühzeitig und ich musste mit meinen fünfzehn Jahren, als ältestes von sieben Kindern, den Lebensunterhalt für unsere Familie aufbringen. Vermutlich habe ich an dieser Stelle auf schmerzhafte Art und Weise gelernt, was Verantwortung bedeutet. Ein paar Jahre später brach ich meine Schule ab und wurde Erzieher. In der Zwischenzeit widerfuhr mir im Rahmen meines Konfirmandenunterrichtes ein Erlebnis auf der damals völlig als normal empfundenen christlichen Glaubensbasis, was man in ihrer modernen Gesellschaft wohl als „Erleuchtung“ bezeichnen würde. Aus meiner Wahrnehmung heraus wurde ich dadurch fähig, die Wissenschaft und das Bekenntnis zur absoluten Nächstenliebe als meine Berufungen anzunehmen und meinen Weg mit ihr zu gehen.

Tim: Ich habe gelesen, über diverse Stipendien und Finanzierungen konnten Sie Ihr Abitur nachholen und ein Studium der Theologie absolvieren, um ein Jahr später dann das „Rauhe Haus“ zu gründen. Wie kam es dazu?

Wichern: Während meiner Nebentätigkeit in einem Besuchsverein lernte ich die schrecklichsten familiären Zustände meiner Zeit kennen. Verwahrlosung, Armut und die daraus resultierende Entwicklung der Kinder brachten mich dazu, eine Einrichtung zu erschaffen, in denen Kindern aus verwahrlosten und ärmlichsten Verhältnissen eine Alternative geboten werden kann. Ich bildete „Brüder“ aus, das waren die Betreuer. Ungefähr ein Dutzend Kinder sollten bei einem „Bruder“ eine familienähnliche Situation erfahren dürfen, die nicht von Armut und Elend geprägt war. Ich war damals der Auffassung, dass jeder Mensch, so auch jedes Kind, die Fähigkeit in sich trägt, sich für das „Gute“ zu entscheiden. Und ich wollte dazu beitragen, diese Fähigkeit freizulegen. Jedes Kind ist einzigartig und hat es verdient, in Freiheit groß zu werden. Und doch sollten sie dabei ihre gesellschaftliche Stellung bezüglich ihrer Armut dabei im Bewusstsein behalten.

Tim: Aber das Handlungsfeld des „Rauhen Hauses“ endete nicht mit der Inobhutnahme und dem Erzeugen einer familienanalogen Wohnsituation, richtig?

Wichern: Nein. Die „Brüder“, die ich ausbildete, wurden später auch Volksschullehrer oder Sozialarbeiter, wenn man es damals so bezeichnen konnte. Zusätzlich ließ ich die Jungen zu fähigen Handwerkern ausbilden. Ich sah dies damals als wertvolles pädagogisches Mittel zum Aggressionsabbau. Außerdem förderte ich im Gegensatz zu anderen Einrichtungen den Kontakt zu Herkunftsfamilien.

Tim: Sicherlich waren gesellschaftliche Situationen, religiöse Auffassungen und allgemeine Wertevorstellungen Ihrer Zeit anders als heutzutage. Dennoch verstehe ich Ihren Auftrag, den sie sich selbst gegeben haben. Sie fanden ihn auf Basis christlicher Glaubenslehre in einem für Sie sehr prägsamen Ereignis. Ich selbst fand meinen eigenen Auftrag nach persönlichen Aufarbeitungen im Rahmen einer Psychotherapie. Als Teil einer Therapeutischen Wohngruppe für Jungen, teile ich Ihren Eifer der Hilfe für vom Schicksal benachteiligte Kinder und Jugendliche vollkommen. In diesem Sinne danke ich Ihnen, dem Vater der Kinder- und Jugendhilfe, für unser Gespräch – besten Dank!

Autor dieses fiktiven Interviews ist Tim Kresse, Studierender im Studienfach Soziale Arbeit.

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