Chiruginnen stehen im Kreis

“Stress, lass nach” – Was wir von Chirurg:innen lernen können

Schneiden, tackern, nähen – weil Chirurg:innen filigranes Handwerk am Menschen ausführen, ist innere Ruhe das oberste Gebot, wie in allen anderen medizinischen Berufen und Facharztrichtungen auch. Doch wie gelingen Achtsamkeit und Gelassenheit für verlässliche Souveränität und guten Überblick im stressigen, hektischen und stets unberechenbaren Klinik- bzw. Praxisalltag? Zu diesem Thema leitete die Studiendekanin unserer School of Health & Social Science, Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, auf dem Mediziner-Kongress „Operation Karriere“ einen Workshop. Im Fokus stand der Aspekt „Gesunde Selbstführung im Klinikalltag“. Dass der Besucherandrang sehr hoch war, spricht Bände über die Aktualität des Themas.

Belastung reduzieren

Das Medizinstudium gilt als eines der anstrengendsten und sowohl Berufseinstieg als auch die spätere Laufbahn sind oftmals herausfordernd. Dabei gibt es viele gute Methoden, die sich zur Reduktion der Belastungen des Arbeitsalltags einsetzen lassen. Bewährte Strategien sind unter anderem die 4 + 4 = 8 Methode oder das „Power Posing“. Prof. Dr. med. Sonja Güthoff (MBA) ist Inhaberin, Trainerin und Coach, aktiv bei der Leaders Academy Augsburg und Professorin für Health Care an der AKAD University. Sie weiß also, wovon sie spricht und wirft den professionellen Blick auf die anspruchsvollen Rahmenbedingungen.

„Stress, lass nach“ in Praxis und Klinik

Im Podcast erläutert Prof. Dr. Güthoff, wie diese entspannenden und stärkenden Instrumente nutzbar gemacht werden können und diverse Atemtechniken funktionieren. Dabei betrachtet sie präventive bzw. akute Möglichkeiten der Fokussierung auf die eigenen Kräfte. Selbstwahrnehmung ist der Schlüssel dazu. Weiterhin stellt sie die inneren Motive vor, die unser Verhalten maßgeblich beeinflussen. Sie untersucht auch, weshalb solche Motive sowohl Vorteile als auch Nachteile haben und wie man ihnen durch bewusstes "Erlauben" Kraft geben kann. Außerdem erfahren Sie, wie man "Power Posings" nutzen kann, um das eigene Selbstwertgefühl innerhalb von zwei Minuten zu steigern.

Balance finden zwischen Autonomie, Entspannung und Zeitmanagement

Was bedeutet eine gesunde Selbstführung für Ärztinnen und Ärzte und was ist dazu wichtig? Prof. Dr. Sonja Güthoff erläutert ausführlich, wie man den herausfordernden Klinikalltag übersteht und warum die Toilette die beste Oase der Klinik ist. Stress ist für Studierende sowie Mediziner:innen ein ständiger Begleiter: 52 % der Teilnehmenden am Workshop "Selbstführung für Medizinerinnen und Mediziner"* gaben an, sich häufig gestresst zu fühlen, 36 % manchmal und 12 % selten. Aber ist Stress schlimm? Güthoff meint: "Stress an sich ist total cool, denn er gibt uns Kraft und Energie und wir können dadurch viel erreichen. Ein gesundes Maß an Anspannung ist wichtig, weder zu viel, wodurch wir überfordert sind, noch zu wenig, was zu Unterforderung führt."

Hilfreiche Übungen gegen die Stressfalle

Stressoren können bei jedem unterschiedlich wirken. Wenn es zu viel wird, gibt es Möglichkeiten, dem Stress zu entgehen - etwa Atemübungen wie die 4 + 4 = 8 Methode. Sonja Güthoff empfiehlt diese als eine der effektivsten Methoden, da sich durch das Zählen und das Innehalten der akute Stress verringern lässt.

Progressive Muskelrelaxation (PMR) ist eine weitere Möglichkeit, sich zu entspannen. Nach Ansicht der Medizinerin ist es notwendig, zuerst Anspannung aufzubauen, um wirklich zu entspannen. Ein kurzes Workout reicht aus: Die Muskeln im Nacken- und Schulterbereich für 15 Sekunden anspannen und danach entspannen. Da diese Muskeln bei vielen Menschen am meisten angespannt sind, regt die Übung die Durchblutung an und reduziert den Stress.

Güthoff erläutert, wie wichtig es ist, bei Stress den „Pause“-Knopf zu drücken und auszusteigen. Sie empfiehlt auch eine klare Kommunikation innerhalb des Teams, damit Ätzt:innen auch mal ungestört auf Station sein können, um z.B. Arztbriefe abzuarbeiten. Als Aufmerksamkeitsübung empfiehlt sie die '3-2-1-Methode', bei der man sich drei Dinge bewusst macht, die man sieht, hört und spürt. Zusätzlich rät sie, schöne Momente zu visualisieren, z.B. aus dem letzten Urlaub, und sich kleine Oasen zu erschaffen, an die man immer denken kann.

Power Posing – das stille Örtchen als Kraftort

Wie kann man als frischgebackene Assistenzärzt:in Kraft tanken und weniger gestresst sein? Güthoff empfiehlt das Power Posing der Sozialforscherin Amy J. C. Cuddy. Das Konzept teilt sich in High-Power- und Low-Power-Posen auf, die bewusst eingenommen werden:

  • High-Power-Posen: Machtvolle Ausstrahlung, durch eine offene, weitläufige und entspannte Körperhaltung. Stehend, mit weit gespreizten Beinen, Arme auf den Hüften oder erhoben in einer V-Form über dem Kopf. Breitbeiniges Sitzen.
  • Low-Power-Posen: Abgeschlossene Stellungen, enger und eingeschränkter Körperaufbau. Sitzend oder stehend, mit gefalteten Händen im Schoß, mit übergeschlagenen Beinen und Füßen, Arme vor der Brust verschränkt, gebeugte Vorwärtshaltung.

Das eigene Selbstbewusstsein lässt sich mit High-Power-Posen in nur zwei Minuten verstärken. Dadurch wird das Auftreten selbstsicherer und aktiver. Dies sei wichtig, wenn man in einer Klinik beginne, sagt Güthoff, und fügt hinzu, dass Toiletten der beste Ort in einer Klinik seien, um unbeobachtet Power Posing zu machen. „Power Posing erhöht nicht nur unser Ansehen bei anderen, sondern es verbessert auch unser Gefühl“, erklärt sie. Zudem steigere die Methode das Testosteron-Level und senke das Cortisol-Level.

Auf Du und Du mit sich selbst: die inneren Antreiber 

Sonja Güthoff thematisiert einen weiteren Aspekt in Bezug auf eine gesunde Selbstführung: die inneren Antreiber. Dies sind Glaubenssätze, die unsere Verhaltensweisen formen und die wir oftmals bereits in der Kindheit lernen. Wir nehmen sie oft gar nicht bewusst wahr, dabei können sie uns in jeder Richtung beeinflussen. In der Regel gibt es einen führenden Antreiber und alle gemeinsam sind unterschiedlich und einzigartig in ihrer Auswirkung auf das eigene Verhalten. Insgesamt gibt es fünf Arten, die jeweils eigene Vor- und Nachteile mit sich bringen. Sonja Güthoff analysiert sie für uns anhand plakativer Beispiele: 

„Sei perfekt!“ – die Ansprüche in uns

Die Vorteile dieser Art von Glaubenssätzen sind: Unsere Arbeit zeichnet sich durch eine hervorragende Qualität aus. Wir sind gründlich und zuverlässig. Die Kehrseite: Es ist unmöglich, perfekt zu sein und alles richtigzumachen. Es kostet viel Zeit, Kraft, Nerven und Geld. Alle Erwartungen zu erfüllen, gelingt niemandem.

„Mach schnell!“ – hohes Tempo als Trigger

Mit hoher Arbeitsgeschwindigkeit und dem beherzten Treffen von Entscheidungen ist es möglich, erfolgreich und effektiv zu arbeiten. Schnell entsteht jedoch auch Überlastung durch Hektik und den Druck, alles schnell machen zu müssen; oft verstärkt durch den inneren Drang, alles sofort umzusetzen. Wer mehrere Dinge gleichzeitig machen will oder muss, tappt gerne in die Multitasking-Falle.

„Streng dich an!“ – Exzellenz als Gradmesser des Selbstwerts

Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein und Fleiß zählen als Tugenden. Doch schnell kippen sie ins Gegenteil: Plötzlich sind Erfolge, die nicht auf allerhöchster Anstrengung basieren, nichts mehr wert. Das eigene Anstrengungslevel wird auch von anderen erwartet. Leicht kann es auch passieren, dass man sich von ernsten Problemen, Schwierigkeiten, Krisen oder tüchtigen Kolleg:innen regelrecht bedroht fühlt und das eigene Anspruchsdenken weiter hochschraubt. Ein Teufelskreis, der nicht selten direkt in den Burn-out führt.

„Mach es allen recht!“ – everybody's darling is everybody's Depp

Die Fähigkeit zum Teamwork und hohes Verantwortungsbewusstsein (v.a. für andere) sowie Loyalität sind wichtige Führungs- und Selbstführungskriterien. Gleichzeitig beinhalten sie die Gefahr, eigene Bedürfnisse zu oft hintenanzustellen und durch zu wenig “Nein”-Sagen in die Überlastung zu rutschen oder gar ausgenutzt zu werden. Wer sich selbst nicht gesund und gut genug positioniert in den eigenen Kapazitäten und Grenzen, erwartet auch Rücksicht von anderen, ohne dabei die eigenen Bedürfnisse und Wünsche klar und deutlich zu formulieren – was häufig zu kommunikativ bedingten Konflikten und Enttäuschungen führt.

„Sei stark!“ – von Scheinriesen und Panzerungen

Durchsetzungsstarke, unabhängige und selbstständige Persönlichkeiten kommen besser durchs Leben (und den Beruf). Die Schattenseiten dieser hohen Belastbarkeit sind jedoch, Aufgeben nicht mehr als Option zuzulassen und fremde Hilfe nicht mehr annehmen zu können. Stärke kann auch einsam machen, was dann gerne in brüskes Verhalten anderen gegenüber mündet, besonders in Drucksituationen.

Ein starkes Inneres spiegelt ein starkes Äußeres wider

Sonja Güthoff erläutert, dass es sehr hilfreich ist, seine „Inneren Antreiber“ gut zu kennen, damit man ihnen in stressigen Situationen bewusst mit „Erlaubern“ einen guten Ausgleich entgegensetzen kann. Diese Vorgehensweise kann helfen, den Druck des "Innenantreibers" zu lösen und die damit verbundene Anstrengung zu mildern. Güthoff empfiehlt, dem "Inneren Antreiber" selbst formulierte Erlaubnisse zu erteilen. Diese können bei stressigen Situationen angewendet werden. Zum Beispiel kann man anstelle des Antreibers "Sei perfekt!" den Satz "Ich erlaube mir, auch mal einen Fehler zu machen, das ist menschlich" zu sagen, oder "Streng dich an!" mit der Formulierung "Ich nehme mir die Zeit, meine Energie sorgfältig einzuteilen" zu kontern.

Wir sind uns sicher: Auch Nichtmediziner:innen profitieren auf jeden Fall von diesem Instrumentenkoffer. Denn in der Ruhe liegt für jeden viel Kraft.

Über die Autor:innen

Prof. Dr. med. Sonja Güthoff, MBA

Studiendekanin der School of Health & Social Science, Professorin für Health Care

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